Auszug aus dem Ausstellungskatalog „Innsitu“ / 2018 Maren Lübbke-Tidow
Formen der Durchlässigkeit
Formen der Durchlässigkeit Wenn zuvor davon die Rede war, dass die Künstler_innen dieses Projekts mit in der Stadt aufgefundenen Details oder Umgebungsdetails arbeiten, so muss man mit Sicht auf die Arbeit von Eva Dittrich sagen, dass diese Künstlerin ein strukturbestimmendes Merkmal der Stadt fotografisch aufnimmt, das weniger als Detail zu verstehen ist, sondern mehr durch seine gewaltige Erscheinung besticht: das Bergmassiv der Nordkette, über den städtischen Friedhof hinweg aufgenommen vom Fuß der Bergiselschanze. In mehreren Bildern zu einer Panoramaansicht zusammengefügt, hat sich Dittrich entschieden, die Gebirgskette auf eine Textilie mit ausladenden Maßen zu printen. Mit der Art der Ausarbeitung jedoch testet Dittrich die Grenzen der Wahrnehmung – und unterläuft so stereotype Sichten auf die Stadt: Durch die Entscheidung für das überdimensionale Format löst sich die bildliche Darstellung in ihre Pixel auf. Die Ansicht changiert so zwischen Abstraktion und Konkretion, je nachdem, welchen Betrachterstandpunkt wir einnehmen. Treten wir näher an das Bild heran, besticht das Material – ein Stoff, der zur Verarbeitung von Gleitschirmen verwendet wird und so die für Innsbruck wichtige Sportindustrie zitiert – durch irisierende Effekte, die durch die Transparenz des Stoffes unterstrichen wird. Nehmen wir Abstand zum Bild, so fügen sich die Farbräume zu einem Bild zusammen, mit dem das Bergmassiv vage erkennbar wird. Dittrichs Beitrag zur Ausstellung ist insgesamt ihrer autobiographischen Spurensuche in diesem Gebiet geschuldet: Ausgestattet mit der Kamera ihres Vaters, der selbst in Innsbruck fotografierend unterwegs war, begegnete ihr ein Bild, mit dem sich eine Verbindung ergibt. Es ist eine Fotografie, die zufällig zweimal entstanden ist und eben jenen Blick von der Bergisel-Schanze auf den Friedhof Innsbrucks zeigt und die Sicht auf die Nordkette freigibt. Biographische Momente von Vater und Tochter überschneiden sich in diesem Bild, das die Künstlerin (u.a.) zusätzlich zur halbtransparenten Textilie mit in die Ausstellung aufgenommen hat – zumal vor dem Hintergrund, dass Dittrich Material aus dem Archiv ihres Vater für diese Aufnahme verwendete, einen abgelaufenen Dia-Film. Die Künstlerin hat den Film (unbeabsichtigt) beschädigt, sodass sich das Bild in seine Farbschichten aufspaltet und einer gewohnten Ausarbeitung verschließt. Dieser Moment stellte sich für die Künstlerin als Möglichkeit heraus eine Erinnerung an ein altes Material zu erzeugen, das heute kaum noch Verwendung findet, aber Effekte zeitigt, die für jenes Material einzigartig sind.Genauso kann es vielleicht als eine Form der Erinnerung an die Arbeitsweisen des Vater verstanden werden, die sie in ihrer eigenen Praxis hier, an diesem Ort, ganz bewusst aufgenommen hat. Aber das Bild macht noch mehr: Es kann als eine durchlässige Spur gelesen werden, die zwischen der eigenen und der Bild-Geschichte und -Gegenwart vermittelt. So erhält auch das Textil jenseits seiner formal-aufregenden Ausarbeitung und seiner raumgreifenden Präsenz eine zusätzliche inhaltliche Dimension: als Vermittlungsinstanz zwischen den Bildern von einst und heute.
Auszug aus dem Ausstellungskatalog „Innsitu“ Oktober 2018 Von Maren Lübbke-Tidow Kunsthistorikerin, Kritikerin, Kuratorin, Politologin.
taz Artikel / 8. Juni 2016 Beate Scheder
„Winkel auf Kern“: Eva Dittrichs Holz-, Wort- und Bildveredelungen
Cultivar ist ein Portmanteauwort, in dem sich zwei Wörter überlappen: „cultivated“ und „variety“, kultiviert und Varietät. Die linguistische Form ähnelt dem, was sie beschreibt, durch Züchtung oder Kreuzung gewonnene Kulturpflanzen nämlich, die sich von der Ausgangsart unterscheiden, Obstbäume etwa, die veredelt wurden, damit sie bessere Früchte tragen oder um alte Sorten zu erhalten. Mit solchen Techniken aus dem Obst- und Gartenbau hat sich Eva Dittrich beschäftigt und ihre Ausstellung entsprechend genannt: „Cultivar“. Als Materialschatz diente der Künstlerin das Holzarchiv ihres verstorbenen Vaters. Dieser hatte nach einem geeigneten heimischen Holz für den Instrumentenbau gesucht. Kanthölzer und Äste hat sie wie beim Kopulieren mit Bast verbunden und wie beim Aufpropfen ineinander gesteckt, ganz so, als wolle sie auf diese Weise das Fortbestehen der alten Hölzer, des Erbes ihres Vaters, sichern, Umwege finden, sich mit dem Verlust zu arrangieren. Der Gedanke setzt sich fort: Die Fotografie eines ausgestopften Tigers ist auf zwei Poster zerteilt. Man könnte sie wieder zusammen oder etwas dazwischen schieben. Ein Text verknüpft assoziativ Sätze von unter anderem Rainald Goetz, Lewis Carroll, René Pollesch und der Künstlerin. Er endet wie dieser und auf alle Fragen passend: „Die älteste Antwort: because.“
von Beate Scheder, 
Kulturjournalistin und Kommunikationswissenschaftlerin M.A.

                    
Ausstellungstext / 2015 Dr. Verena Tintelnot
Alles ist einer permanenten Veränderung, einem ständigen Prozess unterworfen. Wann ist der richtige Moment etwas zu halten, dem Geschehen eine Form zu geben?
In der Werkgruppe SLASHSLASH/ENDLOS ODER, die aus Objekten, Fotografien und einem Video besteht, beschäftigt sich Eva Dittrich mit Fragen des Fixierens und des Entgleitens von Raum und Zeit. Alles ist einer permanenten Veränderung, einem ständigen Prozess unterworfen. Wann ist der richtige Moment etwas zu halten, dem Geschehen eine Form zu geben? Dittrich geht von der Fotografie aus, die es ihr erlaubt einzelne Momente bildlich zu fixieren, also die Zeit anzuhalten. In einem Konvolut von Inkjet Prints, das sie auf einer Wandfläche installiert, setzt sie sich mit dem flüchtigen Medium Licht auseinander. Gleichzeitig verwehrtet sie ihre Sheets und auch andere Arbeiten wie Skizzen, Drucke und Notizen immer wieder neu und verändert sie. Oftmals verdichtet sie solche Papierarbeiten in einem langwierigen Prozess des sich Überlagerns, Schichtens und des Zusammenfaltens zu runden Objekten, die an Steine erinnern. Manche dieser Objekte sind in der Mitte geteilt und machen die vielen Schichtungen und damit Zeit sichtbar. Neben diesen auf dem Boden wie zufällig angeordneten Schichtungen finden sich auch kleine Keramikobjekte. Sie wirken wie undefinierbare Funde längst vergangener Zeiten und zeigen den unsichtbaren Zwischenraum zwischen einer Hand und den Raumecken eines Ateliers. All diese Objekte sind wie beiläufig entweder direkt auf dem Boden oder auf Glasscheiben angeordnet. Sie wirken wie Fixpunkte, wie Koordinaten im Raum, die den realen, unendlichen Raum vorübergehend neu definieren. Als scheinbar stabile Mitte dieser Wegmarken steht auf dem Boden eine kleine Projektion, die den vergeblichen Versuch der Künstlerin zeigt, mithilfe der Reflektion der Sonne in der Kameralinse die Silhouette einer Wolke nachzuzeichnen. In der Arbeit von Eva Dittrich, wird etwas erlebbar, was auch zur Grunderfahrung der Recherche bei Marcel Proust gehört, nämlich das sich Entziehen der Dinge. Auch Dittrich ist mit ihrer raumgreifender Installation, in der wir uns als Betrachtende permanent neu ausrichten müssen, möglicherweise auf der vergeblichen Suche nach etwas Bleibendem, nach gewissen Konstanten in der Endlosigkeit. Vielleicht ist es eine gebremste Zeit, eine Art Gegenwart, die sie zwischen den Gattungen sucht.
- Dr. Verena Tintelnot Kunsthistorikerin und Kuratorin